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Sonntag, April 19, 2026

Die strategische Ausrichtung der Türkei am Horn von Afrika und im östlichen Mittelmeer

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Die strategische Ausrichtung der Türkei am Horn von Afrika und im östlichen Mittelmeer

Beispiele aus Libyen und Somalia

Einführung

Die türkische Außenpolitik hat in den letzten zehn Jahren durch erzielte Erfolge eine strategische Tiefe erlangt, die über die geografischen Grenzen hinausreicht und sich auf kritische geopolitische Regionen erstreckt. Besonders deutlich zeigt sich dies in Libyen und Somalia, die zu strategischen Partnern Ankaras in den Bereichen Diplomatie, Wirtschaft und Verteidigung geworden sind. Es lässt sich feststellen, dass das geostrategische Gewicht des östlichen Mittelmeers in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung in der außenpolitischen Agenda der Türkei gewonnen hat. In diesem Zusammenhang tritt Ankaras neue Öffnung gegenüber Libyen als ein aktuelles Beispiel der „Blauen Heimat“-Vision hervor. Die Beziehungen zu unterschiedlichen politischen und militärischen Akteuren in Libyen sind als Teil der Bemühungen der Türkei zur Konsolidierung ihrer regionalen Energie- und Sicherheitsstrategien zu interpretieren.

In diesem Artikel wird untersucht, welche Bedeutung die von der Türkei über Bengasi und Somalia entwickelten Beziehungen im Hinblick auf das Abkommen über die maritimen Zuständigkeitszonen im östlichen Mittelmeer und die Energiesicherheit haben. Die Studie verdeutlicht, warum die Türkei in Libyen die Themen der maritimen Zuständigkeitszonen und der Energiesicherheit in den Mittelpunkt stellt, während sie sich in Somalia auf Energiekooperation, militärische Ausbildung, akademische Bildung sowie auf die Modernisierung und Entwicklung staatlicher Verwaltungssysteme konzentriert. In diesem Zusammenhang wird im Text die Strategie der Türkei analysiert, in diesen beiden kritischen Regionen durch die Nutzung von „Soft Power“ und „Hard Power“ ihre Rechte in der „Blauen Heimat“ zu wahren und ihre Sicherheit gegenüber regionalen und globalen Akteuren aufzubauen.

Gemeinsames Training zwischen Libyen und türkischen Kriegsschiffen

Libyen-Politik: Ein geopolitischer und sicherheitsorientierter Balancefaktor

Muammar al-Gaddafi trat während seiner Herrschaft in Libyen als eine politische Führungspersönlichkeit hervor, die sich für eine stärkere Einheit der muslimischen Länder aussprach und zugleich die expansiven und maximalistischen Schritte des Westens sowie anderer imperialistischer Mächte scharf kritisierte. Diese Rhetorik wird in der Literatur als einer der Faktoren betrachtet, die den Sturz Gaddafis beschleunigten. Die in Libyen ausgebrochenen inneren Unruhen gewannen vor allem durch die Unterstützung Frankreichs, Italiens und der USA an Dynamik; der Prozess nahm eine entscheidende Wendung, als französische Kampfflugzeuge erstmals die Truppen Gaddafis bombardierten. Im Verlauf des Sturzes Gaddafis im Jahr 2011 gingen insbesondere die von den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten unterstützten Milizen von Chalifa Haftar sowie bewaffnete Gruppen, die aus oppositionellen und separatistischen Stämmen innerhalb Libyens bestanden, gegen die libysche Armee und die Sicherheitskräfte vor und erzielten dabei erhebliche Fortschritte. In diesem Prozess wurde die Türkei auf Einladung der international – insbesondere von den Vereinten Nationen – anerkannten Regierung der Nationalen Übereinkunft (GNA) zu einem der entscheidenden Akteure, der das Kräftegleichgewicht in Libyen maßgeblich veränderte. Insbesondere im Jahr 2019 unterzeichnete Ankara mit der GNA das Memorandum of Understanding über Sicherheits- und Militärkooperation und leistete einen wesentlichen Beitrag zur Befreiung der belagerten Stadt Tripolis von den Haftar-Truppen, vor allem durch den Einsatz von militärischen Beratern, Nachrichtendienstunterstützung sowie Drohnen (UAV/SİHA). Parallel zu diesem Prozess reagierte die Türkei auf die durch den Krieg verursachten humanitären Bedürfnisse infolge zerstörter Lieferketten, indem sie über TİKA, den Türkischen Roten Halbmond (Kızılay) und die Katastrophenschutzbehörde AFAD Hilfsschiffe entsandte und die Bereitstellung von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern sicherstellte, wodurch sie ihre Solidarität mit dem libyschen Volk bekundete.

Heute pflegt Ankara sowohl mit der Regierung in Tripolis als auch mit Haftar enge Beziehungen und setzt seine militärischen, wirtschaftlichen und diplomatischen Bemühungen fort, um Libyen zu stabilisieren und zu einem sichereren und friedlicheren Land zu machen. Das im Jahr 2019 zwischen der Türkei und der GNA unterzeichnete Memorandum über die Abgrenzung der maritimen Zuständigkeitszonen ist von zentraler Bedeutung für den Schutz der Rechte und Interessen beider Staaten im Mittelmeerraum. Daher ist es sinnvoll, die Beziehungen zwischen der Türkei und Libyen aus geopolitischer Perspektive sowie im Hinblick auf Sicherheits- und Militärkooperation und wirtschaftliche Interessen zu analysieren.

  • Geopolitische Dimension: Das Abkommen über die maritimen Zuständigkeitszonen stellt einen entscheidenden Schritt dar, der die von der Türkei im östlichen Mittelmeer erhobenen Ansprüche auf eine ausschließliche Wirtschaftszone (AWZ) unterstützt und ihre Mitspracherechte über die dortigen Kohlenwasserstoffressourcen stärkt. Dieses Abkommen zielt darauf ab, die maximalistischen AWZ-Ansprüche Griechenlands und der Republik Zypern (GKR) auszugleichen und wird als eine Erweiterung der türkischen „Blauen Heimat“-Doktrin betrachtet.
  • Sicherheits- und Militärkooperation: Die Türkei spielte eine entscheidende Rolle bei der Eindämmung des Vormarsches der von Chalifa Haftar geführten Libyschen Nationalarmee (LNA) auf Tripolis, indem sie der Regierung der Nationalen Übereinkunft (GNA/UMH) militärische Ausbildung, Beratung und logistische Unterstützung gewährte. Diese Unterstützung wird als ein Instrument betrachtet, das zur Schaffung günstiger Rahmenbedingungen für eine politische Lösung in Libyen beitragen soll, die langfristigen strategischen Interessen der Türkei in der Region – wie die maritimen Zuständigkeitszonen und die Explorationsrechte für Energiequellen – zu sichern und die historischen Beziehungen zwischen der Türkei und Libyen zu bewahren
  • Wirtschaftliche Interessen: Die neuen Investitionsmöglichkeiten in Libyen können als eine der wesentlichen wirtschaftlichen Triebkräfte betrachtet werden, die die Unterstützung der Türkei für eine stabile libysche Regierung motivieren.
Der Leiter des türkischen Nachrichtendienstes (MIT) Kalın im Gespräch mit Haftar in Bengasi

Die Libyen-Politik der Türkei war insbesondere im östlichen Mittelmeer Schauplatz von Spannungen, da Ankara gegenüber regionalen und globalen Akteuren – wie Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten, Frankreich, Italien, den USA und Russland – unterschiedliche Positionen einnimmt. In jüngster Zeit treten jedoch Bemühungen um diplomatische Normalisierung zunehmend in den Vordergrund. Die multidimensionalen Kontakte, die Ankara mit Libyen unterhält, schaffen eine Grundlage für potenzielle Energieabkommen und gemeinsame Explorationsaktivitäten. In diesem Zusammenhang wird Libyen nicht nur als ein Energielieferant, sondern auch als ein Partner betrachtet, der den diplomatischen Handlungsspielraum der Türkei im östlichen Mittelmeer erweitert. Die türkische Energiesicherheitsstrategie steht in engem Zusammenhang mit dem Bestreben, durch Diversifizierung die Abhängigkeit von Energieversorgern wie Russland und Iran zu verringern.

Die Aktivitäten der Türkei in Somalia: Soft Power und Staatsaufbau

Seit dem Besuch des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Jahr 2011 bis hin zum Besuch des somalischen Präsidenten Hassan Sheikh Mohamud in der Türkei im Jahr 2025 stand die Türkei an der Seite Somalias, das mit Hungersnöten sowie mit den von inneren und äußeren Kräften unterstützten Terrororganisationen – insbesondere al-Shabaab und dem IS – konfrontiert ist, die das Land in den Bereichen Ernährung, Gesundheit und Sicherheit schwer belastet haben. Gegen die Terrorbedrohung, die die militärische und politische Autorität Somalias schwächte und den Zugang humanitärer Hilfe behinderte, hat die Türkei durch den Aufbau ihrer größten Militärbasis TURKSOM in der Hauptstadt Mogadischu ihre militärische Präsenz deutlich verstärkt. Dort bildet sie zentrale Einheiten aus, die das Rückgrat der somalischen Armee bilden, und trägt so zur Erhöhung der Hard-Power-Kapazität des Landes bei.

Die Türkei wird in drei Blöcken in den somalischen Gewässern nach Erdgas und Erdöl suchen

Im Jahr 2024 unterzeichnete Ankara das Rahmenabkommen über Verteidigungs- und Wirtschaftszusammenarbeit und übernahm de facto die Verantwortung für die Sicherheit der somalischen Hoheitsgewässer. Darüber hinaus setzt die Türkei über Institutionen wie TİKA, den Türkischen Roten Halbmond (Kızılay) und die Katastrophenschutzbehörde AFAD ihre Unterstützung und Projekte zur Verbesserung der Bereiche Gesundheit, Ernährung und lokale Verwaltung fort. Außerdem führt die Türkei mit dem Forschungsschiff Oruç Reis im Auftrag Somalias Erkundungen nach Kohlenwasserstoffen vor der somalischen Küste durch und sorgt gemeinsam mit der türkischen Marine für die Sicherheit der somalischen Gewässer.

Durch die Vermittlerrolle, die die Türkei im Konflikt zwischen Somalia und Äthiopien übernommen hat, wurde ihre Unterstützung über den reinen Hilfsaspekt hinaus zu einer regionalen Energie- und Sicherheitskooperation ausgeweitet. Im Lichte dieser Entwicklungen zeigt die Türkei eine strategische Haltung, die ihr den Zugang zum Ozean, die Fähigkeit zu Langstrecken-Raketentests sowie künftig die Möglichkeit zum Raketenstart ins All verschafft und zugleich auf die Gewährleistung der Sicherheit militärischer und ziviler Handelsrouten abzielt. Die nachstehenden Punkte erläutern die Beziehungen zwischen der Türkei und Somalia näher.

  • Humanitäre und Entwicklungsunterstützung: Die Türkei hat über die TİKA (Türkische Kooperations- und Koordinationsagentur), den Türkischen Roten Halbmond (Kızılay) sowie verschiedene Nichtregierungsorganisationen (NGOs) umfassende humanitäre und Entwicklungsunterstützung für Somalia geleistet. Diese Hilfe umfasst Infrastrukturprojekte – wie den Flughafen von Mogadischu und die Häfen – sowie Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Bildung (Stipendienprogramme) und direkte Haushaltsunterstützung
  • Sicherheit und Staatsaufbau: Die Türkei hat eine entscheidende Rolle beim Aufbau und bei der Ausbildung der somalischen Nationalarmee übernommen. Das türkische Ausbildungskommando in Mogadischu -eine der größten militärischen Ausbildungsbasen eines ausländischen Staates- leistet einen wichtigen Beitrag zur Unterstützung der somalischen Armee im Kampf gegen Terrororganisationen. Darüber hinaus werden somalische Soldaten auch in der Türkei an Militärakademien und in Kasernen ausgebildet – mit dem Ziel, die militärische Erfahrung und das strategische Know-how der Türkei an den befreundeten und verbündeten Staat Somalia weiterzugeben.
  • Strategische maritime Zusammenarbeit: Das jüngst zwischen der Türkei und Somalia unterzeichnete Abkommen über Verteidigungs- und Wirtschaftskooperation sieht vor, dass die Türkei für einen Zeitraum von zehn Jahren die Verantwortung für die maritime Sicherheit der somalischen Hoheitsgewässer übernimmt. Dieses Abkommen trägt zur Bekämpfung der Piraterie und zum Schutz der maritimen Ressourcen bei und eröffnet der Türkei zugleich potenzielle wirtschaftliche Chancen – etwa im Bereich der Exploration und Förderung von Erdöl und Erdgas in der Region

Die ‚Blaue Heimat‘-Vision der Türkei

Die Aktivitäten der Türkei in Libyen und Somalia zeigen die wachsende strategische Tiefe ihrer Außenpolitik sowie das Bestreben Ankaras, sich als regionaler Akteur zu etablieren. In beiden Ländern verfolgt die Türkei einen umfassenden Ansatz, der neben traditionellen diplomatischen und humanitären Instrumenten auch militärische Zusammenarbeit und strategische Wirtschaftsabkommen einschließt. Während in Somalia humanitäre Hilfe und Staatsaufbau – also Instrumente der „Soft Power“ – im Vordergrund stehen, bildet in Libyen die militärische Unterstützung als Ausdruck der „Hard Power“ ein zentrales Element zur Wahrung geopolitischer Interessen. Diese Engagements haben die regionale und globale Sichtbarkeit der Türkei erhöht und sie als einen wichtigen Akteur in der Konfliktprävention und -lösung am Horn von Afrika und im östlichen Mittelmeer positioniert

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Türkei in Libyen eine Politik verfolgt, die ihre geopolitischen Rechte im Zusammenhang mit den maritimen Zuständigkeitszonen und der Energiesicherheit im östlichen Mittelmeer in den Mittelpunkt stellt, während ihre Aktivitäten in Somalia das Ziel widerspiegeln, durch humanitäre Entwicklung, Staatsaufbau und langfristige militärische Zusammenarbeit eine regionale Partnerschaft aufzubauen. Diese aktive Rolle in zwei unterschiedlichen geografischen Räumen verdeutlicht die Flexibilität und strategische Tiefe der türkischen Außenpolitik. Denn die Sicherheit der „Blauen Heimat“ beginnt in Somalia – der Weg von Süden nach Norden führt in das östliche Mittelmeer. In diesem Zusammenhang kann die Präsenz der Türkei in der Region als Ausdruck der ‚Blauen Heimat‘-Doktrin interpretiert werden.

Das im Februar 2024 unterzeichnete „Rahmenabkommen über Verteidigungs- und Wirtschaftszusammenarbeit“ stellt einen Meilenstein in den bilateralen Beziehungen dar. In diesem Zusammenhang gilt das im Rahmen dieses Abkommens zwischen der Türkei und Somalia geschlossene „Abkommen über die Exploration und Produktion von Kohlenwasserstoffen“ als Beleg für die zunehmende Vertiefung der Beziehungen zwischen beiden Ländern. Das Abkommen umfasst die Erforschung, Bewertung, Entwicklung und Förderung der Erdöl- und Erdgasressourcen Somalias durch die Türkei. Diese Kooperation stärkt nicht nur die strategische Position der Türkei auf dem afrikanischen Kontinent, sondern erhöht zugleich das Potenzial Somalias, wirtschaftliche Unabhängigkeit und Stabilität zu erlangen.

Die Präsenz der Türkei in Somalia stellt einen wichtigen Referenzpunkt für die Ausweitung ihres strategischen Einflusses in Afrika dar. Das Abkommen steht im Einklang mit dem Ziel der Türkei, regionale Stabilität zu fördern, ihren Einfluss auf dem afrikanischen Kontinent zu vergrößern und ihre Energiesicherheit durch Diversifizierung der Ressourcen zu gewährleisten. Dieser Prozess ist direkt mit dem Bestreben der Türkei verbunden, sowohl in der regionalen Sicherheit als auch in der Energiegeopolitik zu einem unverzichtbaren Akteur zu werden. In diesem Rahmen wird die Türkei ihren Einsatz für die Wahrung ihrer Rechte auf den Meeren fortsetzen

Dieser Artikel wurde erstmals am 17.11.2025 auf der türkischen Website der Stiftung für Türkei-Studien veröffentlicht.

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