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Sonntag, April 19, 2026

Neuer Wendepunkt in der Golf-Sicherheit

FokusNeuer Wendepunkt in der Golf-Sicherheit

Neuer Wendepunkt in der Golf-Sicherheit

Israels Angriff auf Katar

Am Dienstag, den 9. September, erlebte Katar nach längerer Zeit erneut Explosionen und ein ungewohntes Chaos. Diesmal spielte nicht Iran, sondern Israel die Hauptrolle. Im Gegensatz zum begrenzten, kontrollierten und allgemein als „symbolisch“ wahrgenommenen Angriff Irans im Juni auf die US-Militärbasis Al Udeid als Vergeltung für US-Angriffe waren dieses Mal Explosionen im Zentrum Dohas zu hören, in einem Gebiet mit zivilen Siedlungen, und Rauch stieg auf. Kurz darauf stellte sich heraus, dass Israel eine Operation gegen die Führung der Hamas durchgeführt hatte.

Die Israelischen Verteidigungsstreitkräfte (IDF) gaben bekannt, dass bei dieser „punktgenaue“ Operation, die in Zusammenarbeit mit dem Sicherheitsdienst Schin Bet durchgeführt wurde, hochrangige Führungskräfte der Hamas ins Visier genommen worden seien. Bei dem Angriff kamen jedoch nicht die geplanten Spitzenfunktionäre, sondern fünf Angehörige der Hamas aus unteren Rängen sowie ein im Dienst befindlicher katarischer Polizist ums Leben. In einer Zeit, in der zwischen den USA, Israel und der Hamas über einen Waffenstillstand und einen Gefangenenaustausch verhandelt wird, ist es eine schwerwiegende Angelegenheit, dass gerade Katar – selbst als Vermittler aktiv – einem solchen Angriff ausgesetzt wurde.

Dieser beispiellose Angriff Israels auf Katar – kein NATO-Mitglied, dem jedoch von den USA der Status eines „wichtigen Verbündeten außerhalb der NATO“ verliehen wurde – bedeutet eine Ausweitung seiner militärischen Operationen in der Region, nach Palästina, Iran, Libanon, Syrien, Tunesien und Jemen. Angesichts der Tatsache, dass in Katar etwa 11.000 US-Militärangehörige stationiert sind, birgt diese Entwicklung das Potenzial, die Instabilität nicht nur im Golf, sondern im gesamten Nahen Osten weiter zu vertiefen.

Die Infragestellung des US-Sicherheits­schirms

Der israelische Angriff stellt in vielerlei Hinsicht einen Wendepunkt sowohl für Katar als auch für die Golfregion dar. Dass Israel Katar – ein Land, das seit Jahren in der Vermittlung im Zusammenhang mit der Hamas aktiv ist – erstmals direkt ins Visier nimmt, erschüttert die regionalen Sicherheitswahrnehmungen grundlegend. Die naheliegende Frage lautet daher: Wenn Israel jederzeit und an jedem Ort Angriffe durchführen kann, ohne von den USA daran gehindert zu werden – oder vielleicht sogar mit stillschweigender Zustimmung –, welchen Nutzen haben dann der amerikanische Sicherheitsschirm und die auf dem Gebiet stationierten US-Stützpunkte für die Golfstaaten?

Katar, einer der wichtigsten Verbündeten Washingtons in der Region und Gastgeber der größten US-Militärbasis im Nahen Osten, hatte zuletzt im Mai den US-Präsidenten Donald Trump im Rahmen seiner Golfreise empfangen. Das ihm dabei „geschenkte“ Boeing-747-Flugzeug löste anschließend Diskussionen über mögliche Bestechung aus. Doch weder die guten Beziehungen zu den USA, noch die Militärbasis oder teure Geschenke konnten den israelischen Angriff verhindern. Israel, das sich zunehmend wie ein Schurkenstaat verhält, hat erneut auf rücksichtslose Weise gezeigt, dass es bereit ist, sämtliche roten Linien zu überschreiten und das Völkerrecht zu verletzen.

Tatsächlich war im Verlauf der Zeit nach dem 7. Oktober immer deutlicher geworden, dass die USA, wenn es um Israel geht, keinerlei rote Linien anerkennen und die Sicherheit Israels über alles andere stellen. Mit dem Angriff am Dienstag stellt sich jedoch für die Golfstaaten die Frage – eine Frage, die sie sich bereits stellen und künftig noch häufiger stellen werden –, ob die USA tatsächlich ein Garant für Sicherheit sind oder im Gegenteil, insbesondere im Zusammenhang mit Israel, inzwischen zu einer Quelle der Unsicherheit geworden sind.

Die Konkretisierung der israelischen Bedrohung

Der Angriff in Katar stellt möglicherweise die bislang deutlichste Entwicklung dar, die die sich seit dem 7. Oktober wandelnden Sicherheits- und Bedrohungswahrnehmungen dauerhaft verändern könnte. In der Golfregion, in der traditionell Iran als Hauptbedrohung galt, wird nun zunehmend deutlich, dass Israel zu einem Akteur geworden ist, der direkt und jederzeit angreifen kann – und das, ohne von irgendjemandem daran gehindert zu werden. Diese neue Realität wird zweifellos die zukünftige Entwicklung der Bedrohungswahrnehmungen in der Region prägen.

Der direkte Angriff auf ein Golfland stellt für die übrigen Golfstaaten, die den Angriff auf Katar geschlossen verurteilten und von Beginn an enge Solidarität mit Doha zeigten, eine ernsthafte Bewährungsprobe in Bezug auf die Normalisierung mit Israel dar. Während Länder wie die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) und Bahrain, die bereits ihre Beziehungen zu Tel Aviv normalisiert haben, möglicherweise infrage stellen, ob die Normalisierung tatsächlich Frieden und Stabilität in die Region gebracht hat, dürfte Saudi-Arabien, das seit Langem unter Druck steht, diesen Schritt zu vollziehen, dieses Thema wohl für längere Zeit auf Eis legen.

Der Schlag gegen die Grundlagen der Golfregion

Der Angriff könnte zugleich einen Wendepunkt darstellen, da er die Verletzlichkeit des Golfs offenlegt, der auf einer Wahrnehmung von Frieden und Wohlstand aufgebaut ist. Was sich heute in Doha ereignet hat, könnte morgen ebenso gut in anderen Golfhauptstädten geschehen. In diesem Sinne sollte der israelische Angriff auf Katar als ein Angriff auf die gesamte Golfregion verstanden werden. Der Angriff erschütterte nicht nur die Sicherheits- und Stabilitätsgrundlage Katars, sondern auch die des gesamten Golfs. Das Bild einer reichen, sicheren und stabilen Region, mit dem sich der Golf selbst definiert und der Welt präsentiert, hat einen schweren Schlag erlitten. Es wurde deutlich, dass diese vermeintlich solide westliche „Sicherheitsblase“ in Wahrheit weitaus fragiler ist, als angenommen – eine Erkenntnis, die zweifellos demografische und wirtschaftliche Folgen für eine Region haben wird, die bislang als attraktives Zentrum für Ausländer und Investitionen galt.

Was in Doha geschah, wird sich nicht auf Doha beschränken. Der israelische Angriff auf Katar am 9. September stellt einen bedeutenden Wendepunkt dar, der in der kommenden Zeit die Sicherheitsarchitektur des Golfs tiefgreifend beeinflussen wird.

Dieser Artikel wurde erstmals am 10.09.2025 auf der türkischen Website der Stiftung für Türkei-Studien veröffentlicht.

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