In Israel werden in den letzten Jahren veröffentlichte Dokumentationen häufig intensiv als Instrumente politischer Propaganda und zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung genutzt. Insbesondere mediale Einrichtungen wie Kanal 14, die der israelischen Regierung nahestehen, konstruieren durch Sonderformate und Dokumentationen verzerrte oder einseitige Narrative zu den von ihnen behandelten Themen. In diesem Zusammenhang wurde der Sender von internationalen Akteuren scharf kritisiert, unter anderem wegen der Förderung von Kriegsverbrechen in seinen Ausstrahlungen.
Sogar einige Medienorganisationen innerhalb Israels haben Kanal 14 als eine „Giftmaschine“ bezeichnet, die durch Manipulationen und unbegründete Behauptungen die Massen aufwiegelt. Gleichzeitig handelt es sich bei Kanal 14 um einen rechts-populistisch ausgerichteten Sender, dem Benjamin Netanjahu in den letzten Jahren seltene Interviews gewährt hat und dem er mit der Aussage „sie kämpfen wie Löwen“ öffentlich seine Unterstützung bekundete.
Die Dokumentation „Sultan Erdoğan“ als Propagandainstrument
Die zu Beginn dieses Monats von Kanal 14, unmittelbar vor Netanjahus USA-Besuch, ausgestrahlte zweiteilige Dokumentation „Sultan Erdoğan“ (הסולטן ארדואן) stellt ein prägnantes Beispiel dar, das die oben genannten Einschätzungen bestätigt und die Propagandastrategie des Senders offenlegt. In der Dokumentation wird der regionale und globale Aufstieg der Türkei unter der Führung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan als eine erhebliche Bedrohung dargestellt. Dabei kommen auch Personen wie der Vorsitzende der Union der Türkeistämmigen in Israel, Zali De Toledo, der auf die türkisch-israelischen Beziehungen spezialisierte Wissenschaftler Dr. Hay Eytan Cohen Yanarocak, der ehemalige Diplomat Alon Liel sowie der pensionierte Konteradmiral Eliezer Cheney Marom zu Wort.
Eine Analyse von Sprache und Inhalt der Dokumentation zeigt deutlich einen provokativen Ton. Nach der Darstellung von Erdoğans Herkunft, seiner Jugendjahre und seiner Zeit als Bürgermeister wird das Weltwirtschaftsforum in Davos als Wendepunkt hervorgehoben. Erdoğan wird als „islamistischer Ideologe und pragmatischer Politiker“ präsentiert, wobei seine Äußerungen gegenüber Schimon Peres als undiplomatisch, israelfeindlich und als Ausdruck von von Anfang an vorhandenen, latent vertretenen Positionen interpretiert werden.
Weitere zentrale Wendepunkte in den türkisch-israelischen Beziehungen werden in der Dokumentation mit dem Mavi-Marmara-Vorfall, dem Putschversuch vom 15. Juli sowie dem 7. Oktober dargestellt. Das Schiff Mavi Marmara, das zur Durchbrechung der Blockade des Gazastreifens aufbrach, wird als Angriff auf die Souveränitätsrechte Israels dargestellt, und es wird betont, dass Netanjahu infolge des Drucks von Barack Obama gezwungen gewesen sei, Bedingungen wie Entschuldigung und Entschädigung zu akzeptieren, was als großes Unglück bewertet wird. Aus der Perspektive der Dokumentation wird der Putschversuch vom 15. Juli als Gelegenheit für Erdoğan dargestellt, säkulare Elemente innerhalb des Militärs zu säubern, wodurch die Türkei in einen unumkehrbaren Prozess eingetreten sei. Zudem wird hervorgehoben, dass in einer Phase, in der sich aufgrund von Erdgas- und Energiefragen eine gewisse Annäherung abzeichnete, die Ereignisse des 7. Oktober eintraten und Erdoğan – im Gegensatz zu anderen Führungspersönlichkeiten – kein Beileid bekundet habe, sondern die israelischen Reaktionen abgewartet habe und im Anschluss daran eine feindselige Haltung gegenüber Israel eingenommen habe, um sich als regionale Macht zu positionieren.
Im gesamten Beitrag ist erkennbar, dass bewusst ein islamfeindliches Narrativ eingesetzt wird. Ein roter Hintergrund, der Blut und Tod symbolisiert, tritt in den Vordergrund; Schwertdarstellungen konstruieren das Bild einer antimodernen Türkei, und durch die im Hintergrund verwendeten Moscheebilder werden bestimmte Botschaften gezielt mit dem Islam verknüpft. Ebenso werden Ereignisse wie die Mavi-Marmara-Affäre, der Empfang von Präsident Erdoğan nach Davos am Flughafen sowie der Widerstand der Bevölkerung nach dem gescheiterten Putschversuch vom 15. Juli – allesamt als Wendepunkte in der Türkei dargestellt – in den Videos mit den Takbir-Rufen der Massen inszeniert.
Auf diese Weise wird ein Narrativ aufgebaut, wonach sich die Türkei von einem säkularen und modernen Staat zu einer islamistischen und dschihadistischen Struktur entwickelt habe, die ideologisch auf einer Linie mit der Hamas und der Muslimbruderschaft stehe. In der Dokumentation wird zudem hervorgehoben, dass dieser Transformationsprozess von Erdoğan selbst top-down vorangetrieben worden sei und er als alleiniger Verantwortlicher für diese Entwicklung dargestellt wird. In diesem Zusammenhang spiegelt die Verwendung des Begriffs „Sultan“ die Irritation wider, die die wachsende regionale Einflussnahme Erdoğans auf israelischer Seite hervorruft.
Der Osmanen- und „Sultan“-Diskurs in Israel
In der israelischen Politik und in medialen Kreisen werden Bezeichnungen wie „Sultan“ für Präsident Recep Tayyip Erdoğan sowie „osmanisch“ für die Türkei seit Langem von verschiedenen Akteuren gezielt verwendet. Im Jahr 2017 erklärten Persönlichkeiten wie der Sprecher des israelischen Außenministeriums, Emmanuel Nahshon, sowie der Minister für Verkehr und Nachrichtendienste, Yisrael Katz, dass „die Zeiten des Sultans und des Osmanischen Reiches vorbei sind“. Ebenso äußerte Katz, der 2019 als Außenminister im Kabinett tätig war, seine Unzufriedenheit über die Aktivitäten türkischer Institutionen – insbesondere der TİKA – in Ostjerusalem mit ähnlichen Worten und betonte: „Die Zeiten der Osmanen sind vorbei.“
Im Jahr 2025 bezeichnete Außenminister Gideon Sa’ar Präsident Erdoğan trotz wachsender internationaler Kritik im Zusammenhang mit Vorwürfen eines Völkermords als jemanden, der sich „in seinen eigenen Augen als Sultan“ sehe. Auch Benjamin Netanjahu verwendete am 22. Dezember 2025 eine vergleichbare Rhetorik, indem er erklärte: „Diejenigen, die glauben, ihre Imperien und ihre Herrschaft über unsere Gebiete wiedererrichten zu können … sollen dies vergessen.“ Diese Aussagen, die sich mit Beispielen aus den Kabinetten Netanjahus weiter vervielfachen ließen, sind besonders bemerkenswert.
Obwohl diese Begriffe im Rahmen politischer Auseinandersetzungen – insbesondere in einigen europäischen Ländern – häufig negativ konnotiert sind, wird die osmanische Zeit von Historikern vielfach als eine „goldene Ära“ beschrieben. In diesem Kontext steht das Osmanische Reich für einen Zufluchtsort für Juden, die Verfolgung und Unterdrückung entkommen konnten, für den Erwerb bestimmter Rechte und Freiheiten innerhalb der imperialen Ordnung sowie für die Sicherung gesellschaftlicher Kontinuität und die Hinterlassung eines kulturellen Erbes.
Vor diesem historischen Hintergrund ist das Festhalten Netanjahus am Diskurs von „Osmanen“ und „Sultan“ als Teil einer Strategie zu verstehen, die darauf abzielt, den wachsenden globalen Einfluss der Türkei durch die Hervorhebung eines „islamistischen“ Narrativs – auch unter Einbeziehung Europas und der USA – einzudämmen.
Jenseits von Wahrnehmung und Propaganda: Die geopolitische Realität
Die Dokumentation kann inhaltlich und dramaturgisch kaum über ihre Funktion als Propagandainstrument hinausgehen, ist jedoch aufgrund der darin enthaltenen impliziten Eingeständnisse bemerkenswert. Anhand von Beispielen wie Irak, Syrien, Zypern, Katar, Somalia und Libyen wird vermittelt, dass sich die türkischen Streitkräfte aus einmal betretenen Einsatzgebieten nicht zurückziehen. Mit der Aussage „Sobald die türkische Armee irgendwo eintritt, gibt es für sie keinen Rückwärtsgang; sie weiß nicht, wie man sich zurückzieht“ wird zudem betont, dass ein möglicher Einsatz türkischer Streitkräfte im Gazastreifen unter dem Vorwand einer „Friedensmission“ aus israelischer Sicht eine erhebliche Bedrohung darstellen würde.
Weiterhin wird ausgeführt, dass die Entwicklungen in Syrien als Erfolg der Türkei zu bewerten seien, dass Präsident Erdoğan eine zentrale Rolle bei der internationalen Anerkennung von Ahmed al-Scharaa gespielt habe und dass durch in Syrien errichtete Radarsysteme nahezu das gesamte israelische Territorium derzeit unter Echtzeitüberwachung durch die Türkei stehe. Zudem wird argumentiert, dass die türkische Präsenz in Syrien Druck auf den Norden Israels ausübe und dass ein vergleichbares militärisches Engagement im Gazastreifen – sollte es unbeantwortet bleiben – auch im Süden eine ähnliche Wirkung entfalten könnte.
Darüber hinaus wird festgestellt, dass nach der gegen Katar verhängten Blockade – die im Kontext regionaler Strategien Israels interpretiert wird – eine Türkei hervorgetreten sei, die von Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten respektiert werde und ihre Beziehungen zu diesen Staaten vertieft habe. Ebenso wird eingeräumt, dass Exportbeschränkungen zwar erhebliche Auswirkungen auf Israel gehabt hätten, die Türkei jedoch aufgrund ihrer Beziehungen zu den Golfstaaten davon nicht betroffen gewesen sei und ihre Wirtschaft weiter habe ausbauen können.
Schließlich wird hervorgehoben, dass mit der Schwächung Irans der Einfluss des schiitisch-islamischen Machtgefüges zurückgegangen sei und an dessen Stelle die Türkei getreten sei, wodurch sich eine neue sunnitisch-islamische Achse herausgebildet habe. In diesem Zusammenhang wird die Türkei als die vorrangige Bedrohung für Israel dargestellt. Während in früheren, aus Israel stammenden Dokumentationen die Aussage eines ehemaligen Mossad-Agenten zitiert wurde, wonach man die Möglichkeit gehabt habe, Khomeini zu eliminieren, dies jedoch nicht getan habe, wird nun betont, dass ein Regimewechsel im Iran notwendig sei, um den wachsenden geopolitischen Einfluss der Türkei einzudämmen.
Dass die Dokumentation unmittelbar vor dem kritischen USA-Besuch Netanjahus veröffentlicht wurde, ist besonders bemerkenswert. Betrachtet man Netanjahus Äußerungen im Vorfeld der Reise, lässt sich erkennen, dass die Agenda darauf ausgerichtet ist, sich in die zwischen den USA und Iran laufenden Nuklearverhandlungen einzuschalten und die eigene Position durchzusetzen. Im Gegensatz zu seiner ersten Amtszeit hat Donald Trump gegenüber Netanjahu eine distanziertere Haltung eingenommen, was in den internationalen Medien vielfach thematisiert wurde.
Die zunehmende Selektivität der US-amerikanischen Nahostpolitik, ihre Tendenz, eher als „ausgleichender“ denn als „steuernder“ Akteur aufzutreten, sowie ihr stärker kostenorientierter Ansatz schwächen Israels Erwartungen an eine uneingeschränkte und bedingungslose Unterstützung. Diese Entwicklung drängt Israel in eine fragilere Position, während sie zugleich den Handlungsspielraum der Türkei erweitert. Auch Trumps enge Beziehungen zu Präsident Erdoğan sowie seine Aussagen, wonach er die Positionen der Türkei berücksichtigt, werden in Israel mit Sorge wahrgenommen.
Vor diesem Hintergrund scheint die Veröffentlichung der Dokumentation vor dem Besuch darauf abzuzielen, neben Iran auch die Türkei – die als Hindernis für Israels regionale Ziele betrachtet wird – auf die Agenda zu setzen.
In seinem politischen Diskurs in den USA betont Trump seine Fähigkeit, die Probleme im Nahen Osten zu steuern und zu lenken, während Netanjahu in den israelischen Medien die Wahrnehmung verbreitet, er könne Trump durch eine warme und persönliche Beziehung überzeugen. Dennoch wird insbesondere nach dem 7. Oktober häufig thematisiert, dass Trump mit Netanjahus persönlicher Politik unzufrieden ist. Auch die zunehmende internationale Isolation Netanjahus wird als eine Folge dieser Entwicklung interpretiert.
Trotz alledem verfügt Netanjahu, der mit nahezu allen Führungspersönlichkeiten in seinem Umfeld Spannungen erlebt und zunehmend radikalisiert erscheint, über nur begrenzten Handlungsspielraum. Die Türkei hingegen weist mit ihrer militärischen Kapazität, ihrem diplomatischen Handlungsspielraum und dem gleichzeitigen Einsatz vielschichtiger außenpolitischer Instrumente auf eine neue regionale Positionierung hin. Eine Politik, die sich nicht allein auf defensive Sicherheitsansätze beschränkt, sondern zugleich Präsenz vor Ort zeigt und diplomatisch Verhandlungsmacht erzeugt, ist zu einem prägenden Merkmal der Türkei in jüngerer Zeit geworden. Dieser Ansatz verleiht der Türkei die Fähigkeit, den Verlauf von Krisen zu beeinflussen und deren Ergebnisse mitzugestalten.
Die Kontinuität militärischer und diplomatischer Initiativen der Türkei zeigt zudem ihre Fähigkeit, nicht nur kurzfristige Interventionen durchzuführen, sondern langfristige Einflussräume aufzubauen. In diesem Zusammenhang wird die regionale Strategie der Türkei durch Energiepolitik, Handel, humanitäre Diplomatie und ein Netzwerk multilateraler Beziehungen gestützt. Dies macht die Türkei für regionale Akteure sowohl zu einem unvermeidlichen Ansprechpartner als auch zu einer Kraft, die bestehende Gleichgewichte neu gestalten kann.
Für Israel stellt sich die Lage hingegen anders dar. Über viele Jahre hinweg hat Israel seine Sicherheit auf militärische Überlegenheit, technologische Vorteile und eine besondere Beziehung zu den USA gestützt. In jüngster Zeit sieht sich Israel jedoch mit einem Prozess konfrontiert, in dem all diese Faktoren gleichzeitig unter Druck geraten. Die aktuellen globalen Entwicklungen haben Israels Fähigkeit, regionale Dynamiken zu steuern, eingeschränkt und auf eine Politik des Eindämmens und Begrenzens reduziert. Dass Machtvakuums in seiner Umgebung nicht mehr automatisch zu seinem Vorteil gefüllt werden, wird dabei als ein zentrales Problem wahrgenommen.
Der wachsende regionale Einfluss der Türkei und ihre Entwicklung zu einem schwer vorhersehbaren Akteur stellen die lange etablierte Bedrohungshierarchie Israels grundlegend infrage. Daher richtet Israel seinen Fokus zunehmend auf Propagandainstrumente und auf diplomatische Druckmechanismen gegenüber bestimmten Staaten.


