Ein Jahr ist seit der Revolution vom 8. Dezember in Syrien vergangen. Nach 13 Jahren eines blutigen Bürgerkriegs strömte die syrische Bevölkerung auf die Straßen, um den Sturz der Baath-Diktatur zu feiern. In dem Jahr seit der Revolution lässt sich feststellen, dass Syriens neuer Führer Ahmed al-Shara außergewöhnliche Anstrengungen unternommen hat, um die Wunden des Bürgerkriegs zu heilen und das Land wiederaufzubauen. Die rasche Integration der Regierung al-Sharas in das internationale System sowie die Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen der USA gegen Syrien können als bedeutende Erfolge gewertet werden, die innerhalb kurzer Zeit erzielt wurden. Gleichzeitig stellen Israels aggressive und expansionistische Politik, die drusischen und alawitischen Aufstände sowie die Integrationsprobleme der SDF/YPG die gravierendsten Herausforderungen dar, mit denen die Shara-Regierung im ersten Jahr konfrontiert war. Dennoch lässt sich sagen, dass sich mit der Revolution vom 8. Dezember für das syrische Volk die Türen zu einer neuen und hoffnungsvollen Phase geöffnet haben.
Seit der Revolution betont Ahmed al-Shara in seinen öffentlichen Botschaften immer wieder die Notwendigkeit des Aufbaus eines Staates, der das Monopol legitimer Gewalt ausübt. Für ihn stellt die neue syrische Armee das zentrale Instrument zur Wahrung der Einheit und territorialen Integrität des Landes dar. Im Folgenden soll daher untersucht werden, welche Fortschritte beim Aufbau der neuen syrischen Armee seit der Revolution erzielt wurden und warum eine vereinte Streitkraft für die Zukunft Syriens von entscheidender Bedeutung ist.
Die Vereinigung der bewaffneten Gruppen nach der Revolution vom 8. Dezember
Während des Bürgerkriegs etablierten sich in verschiedenen Regionen Syriens zahlreiche bewaffnete Gruppen, was zur Fragmentierung der staatlichen Autorität führte und das Monopol des Staates auf den legitimen Einsatz von Gewalt aufhob. Vor der Revolution vom 8. Dezember zeigte sich auf dem syrischen Schauplatz folgendes Bild: In Idlib dominierten Hay’at Tahrir al-Sham (HTS) und ihre Verbündeten, an der türkischen Grenze agierte die Syrische Nationalarmee (SNA), im Nordosten kontrollierten die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) weite Gebiete, im Süden operierten drusische Milizen, und an der jordanischen Grenze hielten von den USA unterstützte gemäßigte Oppositionsgruppen ihre Stellungen.
Der Sturz des Assad-Regimes durch die von der HTS geführte Opposition am 8. Dezember 2024 eröffnete nach 13 Jahren erstmals wieder die Möglichkeit, dass der syrische Staat das Monopol legitimer Gewalt zurückgewinnt. Nach der Revolution stand Ahmed al-Shara vor der dringlichen Aufgabe, die Waffen der oppositionellen Gruppen einzusammeln, diese unter einem einheitlichen Dach zu vereinen und in eine zentrale nationale Armee zu integrieren. Shara betonte wiederholt, dass sich alle bewaffneten Gruppen auflösen und in die staatlichen Institutionen eingliedern müssten.
In diesem Zusammenhang führte Shara mehrere Treffen mit den Kommandanten der Oppositionsgruppen in Damaskus durch. Am 24. Dezember 2024 wurde bekanntgegeben, dass alle revolutionären Gruppen zugestimmt hätten, sich aufzulösen und dem Verteidigungsministerium anzuschließen.
In dieser Phase wurden Murhaf Abu Kasra und Ali Nureddin Nasan, enge Vertraute Sharas, zum General befördert. Kasra wurde zum Verteidigungsminister, Nasan zum Generalstabschef ernannt. Beide begannen mit der Zusammenführung der bewaffneten Gruppen unter dem Dach von Armee und Polizei. Im Januar 2025 schlossen sich rund 70 bewaffnete Gruppen aus allen Teilen Syriens – von der Küste bis zum Osten, vom Norden bis zum Süden – der neuen Regierung an. Lediglich die drusischen Milizen und die SDF reagierten nicht positiv auf die Aufrufe zur Integration.
Auf der am 29. Januar 2025 abgehaltenen Siegskonferenz wurde Shara offiziell als Leiter der Übergangsregierung bestätigt und die Auflösung aller bewaffneten und politischen Oppositionsgruppen verkündet. Während sich HTS und SNA auflösten, blieben SDF und die drusischen Milizen der Konferenz fern. Die SDF weigerte sich, ihre Waffen niederzulegen, und begründete dies mit der Verteidigung gegen die SNA. Verteidigungsminister Kasra erklärte daraufhin, das Angebot des SDF-Kommandeurs Mazlum Abdi, die SDF als halbautonomen Block in die syrische Armee zu integrieren, sei inakzeptabel, und warf der SDF vor, die Verhandlungen nur hinauszuzögern.
Auch die Türkei betonte, dass die Existenz bewaffneter Oppositionskräfte ein Ende finden müsse. Außenminister Hakan Fidan kündigte an, dass 80.000 Soldaten der SNA der neuen syrischen Armee beitreten würden.
Shara und Vertreter der Übergangsregierung betonten, ihr vorrangiges Ziel sei der Aufbau einer neuen nationalen Armee mit zentralem Kommando und formaler militärischer Hierarchie. Am 17. Mai 2025 verkündete Verteidigungsminister Kasra, dass alle militärischen Einheiten unter dem Dach des Verteidigungsministeriums zusammengeführt und in einer einheitlichen institutionellen Struktur integriert worden seien – ein bedeutender Erfolg. Kasra forderte die verbliebenen kleineren Gruppen auf, sich innerhalb von zehn Tagen der Armee anzuschließen, andernfalls drohten Strafen. In dieser Phase wurden 130 bewaffnete Gruppen offiziell dem Verteidigungsministerium unterstellt.
Die SDF, die am 10. März ein Abkommen mit der Regierung in Damaskus unterzeichnet hatte, blieb von Kasras Anordnung ausgenommen. Ebenso wurden die in Suweida aktiven drusischen Milizen nicht in den von Kasra festgelegten Integrationsrahmen einbezogen.
Die Neue Syrische Armee: Risiken und Chancen
Auch wenn nach der Revolution am 8. Dezember bereits bedeutende Schritte zur Bildung der neuen syrischen Armee unternommen wurden, bestehen weiterhin verschiedene Risiken. An erster Stelle steht das Problem der Finanzierung und der logistischen Kapazitäten der Streitkräfte. Trotz der Unterstützung durch die Türkei, Katar und Saudi-Arabien benötigt Syrien eigene Ressourcen, um auf eigenen Beinen stehen zu können. In diesem Zusammenhang sind die Ölfelder im Osten Syriens für den Aufbau von Armee und Staat von großer Bedeutung.
Die SDF/YPG jedoch weigert sich trotz des 10.-März-Abkommens weiterhin, sich zu integrieren und stellt sich quer. Sowohl die Türkei als auch die Regierung Schara, die auf die Durchsetzung des 10.-März-Abkommens als rote Linie pochen, sehen sich zunehmend zu militärischen Operationen gedrängt. In einer Lage, in der sich die Verhältnisse in Syrien noch nicht gefestigt haben, könnte eine umfassende Militäraktion gegen die SDF die neue Armee stark belasten. Andererseits erscheint der Aufbau einer neuen Armee ohne eine Lösung der SDF-Frage kaum realisierbar.
Schlussfolgerung: Warum ist eine vereinte Armee wichtig?
Damit Syrien seine nationale Einheit und territoriale Integrität wahren kann, ist der Aufbau einer nationalen und vereinten Armee unter der Führung von Ahmed al-Shara von entscheidender Bedeutung. Das Fortbestehen verschiedener bewaffneter Gruppen innerhalb des Landes erhöht die politischen Risiken erheblich. Dadurch wächst auch die Gefahr, dass regionale Akteure wie Israel in die inneren Angelegenheiten Syriens eingreifen und über Stellvertreterorganisationen die Stabilität und Sicherheit des Landes untergraben.
Die neue syrische Armee muss alle gesellschaftlichen Gruppen des Landes auf der Grundlage gemeinsamer Staatsbürgerschaft integrieren. Ihr Leitprinzip sollte nicht der Schutz einzelner ethnischer oder religiöser Gruppen sein, sondern die Gewährleistung der Sicherheit ganz Syriens.
Das staatliche Monopol auf den Einsatz von Gewalt wird nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Zukunft des Landes prägen. In einem Umfeld, in dem keine Sicherheit herrscht und zahlreiche bewaffnete Gruppen aktiv sind, wird es für Investoren und internationale Geldgeber schwer, Vertrauen zu fassen und in Syrien zu investieren. Eine politisch instabile und von Konflikten bedrohte Situation würde zudem den Druck äußerer Einmischung verstärken.
Damit das neue Syrien über eine vereinte und handlungsfähige Armee verfügen und mit Zuversicht in die Zukunft blicken kann, muss die Frage der SDF/YPG dringend und dauerhaft gelöst werden.
Dieser Artikel wurde erstmals am 10.12.2025 auf der türkischen Website der Stiftung für Türkei-Studien veröffentlicht.


