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Freitag, April 17, 2026

Die unter Trump veränderte USA‑EU‑Achse

FokusDie unter Trump veränderte USA‑EU‑Achse

Die unter Trump veränderte USA‑EU‑Achse

Während des Kalten Krieges war die transatlantische Ordnung nicht nur eine Sicherheitsarchitektur, sondern auch die Art und Weise, wie der Westen sich der Welt erklärte. Dieses System, aufgebaut über NATO, freien Markt, liberale Demokratie und supranationale Institutionen, beruhte auf einem starken Gleichgewicht, das die hegemoniale Macht Amerikas mit der Legitimität Europas verband. Amerika stellte die militärische Sicherheit bereit, während Europa über diese Sicherheit hinaus eine politische, rechtliche und moralische Ordnung errichtete. Eine asymmetrische, aber stabile Beziehung.

Mit dem Auftreten Trumps begann diese Achse ihren Boden zu verlieren. Trumps politische Rhetorik definierte die grundlegenden Konzepte der transatlantischen Ordnung neu. Begriffe wie „Allianz“, „gemeinsame Werte“ und „liberale Weltordnung“ fanden in seinem Vokabular kaum Widerhall. Stattdessen traten Buchhaltungsbegriffe wie „Kosten“, „Gewinn“, „Ausbeutung“ und „ungerechte Verträge“ in den Vordergrund. Dies war nicht nur ein Unterschied im Stil, sondern die Reduzierung der Außenpolitik von einem moralischen und normativen Rahmen auf ein direktes Verhandeln von Interessen.

Diese Transformation führte zu drei grundlegenden Brüchen in den USA‑EU‑Beziehungen:

Erstens war es die Aushöhlung des Allianzgedankens. Trump betrachtete die NATO nicht als Mechanismus zur kollektiven Sicherheit, sondern als Kostenfaktor, der auf Amerikas Schultern lastete. Dass die europäischen Staaten ihre Verteidigungsausgaben nicht erhöhten, sah er nicht als politisches Problem, sondern als ungerechte wirtschaftliche Belastung. Diese Sichtweise untergrub das Konzept des „gemeinsamen Schicksals“ der NATO und machte den in Europa lange unterdrückten Wunsch nach strategischer Autonomie sichtbar. Tatsächlich war es in dieser Zeit bedeutsam, dass die Europäische Kommission Initiativen zur Stärkung eigener Verteidigungsfähigkeiten und zur Reduzierung struktureller Abhängigkeiten von der NATO verfolgte (wie die Betonung der Verteidigungsindustrie und gemeinsamer militärischer Kapazitäten im Rahmen von Readiness 2030), da dies die institutionelle Projektion dieser mentalen Bruchlinien widerspiegelte. Auch Macrons Aufruf zu einer „europäischen Armee“ war in diesem Zusammenhang keine romantische Vision, sondern eine klare Erklärung, dass das Bündnis nicht mehr wie früher funktioniert.

Zweitens war es die Infragestellung der multilateralen Ordnung. Trumps Rückzug aus dem Pariser Klimaabkommen, dem Iran‑Atomabkommen und verschiedenen Handelsmechanismen sendete starke Signale, dass Amerika nicht länger die Rolle der „ordnungserhaltenden Macht“ übernehmen wollte. Für Europa bedeutete dies nicht nur eine diplomatische Krise, sondern auch einen ontologischen Erschütterungspunkt. Denn die Europäische Union war genau auf solche multilateralen Normen und Institutionen aufgebaut. Mit dem Rückzug Amerikas erkannte Europa, dass der Boden seines normativen Rahmens bröckelte, und versuchte zunehmend, diese Lücke mit Konzepten wie „strategische Autonomie, normative Souveränität und Schutz europäischer Interessen“ zu füllen.

Drittens war die Politisierung der Wirtschaftsbeziehungen. Handelskriege, Zölle, Technologiewettbewerb und Energiepolitik wurden nicht länger als technische Verhandlungsfelder betrachtet, sondern zu geopolitischen Waffen. Die Drohungen der USA, zusätzliche Zölle auf aus Europa stammende Automobile und Industrieprodukte zu erheben, sowie zeitweise die Diskussionen über Tarife von bis zu 15 %, stellten die ersten starken Brüche dieses neuen Beziehungsmodells dar. Trump gestaltete den Handel nicht als Erweiterung der Außenpolitik, sondern konzipierte die Außenpolitik als Erweiterung des Handels. Dies führte dazu, dass Europa die wirtschaftlichen Verbindungen zu Amerika nicht als „gegenseitige Abhängigkeit“, sondern als potenziellen Schwachpunkt betrachtete. Gleichzeitig bildeten digitale Souveränitätsbestrebungen wie EuroStack, die darauf abzielten, die Abhängigkeit Europas von US‑zentrierter technologischer Infrastruktur zu verringern, eine weitere Dimension dieses wirtschaftlich-politischen Bruchs.

All diese Veränderungen haben die USA‑EU‑Achse vom Modell der „hegemonialen Ordnung“ zum Modell der „verhandelten Beziehungen“ transformiert. Amerika positionierte sich nicht länger als führender Beschützer Europas, sondern als Macht, die bei Interessenüberschneidungen kooperiert und bei Interessenkonflikten problemlos Druck ausüben kann. Europa hingegen wandelte sich von einem Normen produzierenden Akteur im Schatten Amerikas zu einem Subjekt, das nach seiner eigenen strategischen Identität sucht, diese aber noch nicht entwickelt hat.

Der Einfluss Trumps veränderte nicht nur die Politik Amerikas, sondern auch die Selbstwahrnehmung Europas. Zum ersten Mal sah sich Europa ernsthaft mit der Frage konfrontiert: „Wer bin ich ohne Amerika?“ Diese Frage ist noch unbeantwortet. Denn Europa ist seit langem militärisch schwach, politisch gespalten und wirtschaftlich nach innen orientiert. Doch erstmals stieß es auf die harte Realität, dass der Schutzschirm Amerikas nicht dauerhaft garantiert ist.

Man kann nicht sagen, dass Trump die USA‑EU‑Beziehungen zerstört hat, aber er machte den bereits geschwächten ontologischen Boden für alle sichtbar. Er war weniger ein Zerstörer als ein Enthüller. Er legte offen, dass die transatlantische Ordnung nicht mehr auf Werten, sondern auf Interessen basiert.

Heute befinden sich die USA‑EU‑Beziehungen weder im Bruch noch in Harmonie. Sie ähneln einer Partnerschaft, die noch aus Gewohnheit aufrechterhalten wird, aber keine gemeinsame Zukunftsvorstellung mehr hat. Trump beendete diese Partnerschaft nicht, doch er machte deutlich, dass sie keine ewig währende Schicksalsgemeinschaft ist, sondern eine fragile Beziehung, die jederzeit neu verhandelt werden kann.

Die transatlantische Achse besteht weiterhin, doch der Boden, der ihr Sinn verleiht, wird langsam weggezogen. Die Sprache des Bündnisses hat sich verändert, seine Vision zerstreut, sein moralischer Rahmen zerfallen. Was übrig bleibt, ist keine Ordnung mehr, sondern bloße Gewohnheit. Daher geht es nicht mehr um das Risiko eines Zusammenbruchs, sondern darum, welche Bedeutung dieser Beziehung bei einer Neuerfindung zukommen wird: wessen Interessen die neue Ordnung bedienen und wer außen vor bleibt.

Dieser Artikel wurde am 07.01.2026 auf der türkischen Website der Stiftung für Türkei-Studien veröffentlicht.

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